Heute schon einen Blick in die Zukunft erhascht?
 
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Sehnsucht nach der Freiheit eines Vogels

Marga saß im sanften Herbstlicht der späten Nachmittagssonne in ihrem Lieblingssessel am Fenster und strickte. Sobald die Tage kürzer wurden und es im Garten nichts mehr zu tun gab, strickte sie eigentlich immer. Für ihren armen, alten Rücken war diese Handarbeit zudem entschieden gesünder als das ewige Unkraut jäten. Sie genoss neben dem blitzenden Tanzen der Stricknadeln unter ihren Händen auch den grandiosen Gartenblick, den sie von dem westlich gelegenen Fenster in ihrem kleinen Häuschen hatte. Außerdem konnte sie so die Abendsonne, wenn das Wetter schon einmal mitspielte, wunderbar ausnutzen. Dabei bekam sie immer Sehnsucht nach dem Leben eines Vogels, obwohl sie natürlich nicht wusste, wie sich so ein Vogel fühlte. Vermutlich hatte der wiederum Sehnsucht nach einem warmen Nest, in das es nicht hineinregnen konnte.

Schmerzende Erinnerungen


Heute konnte sie sich aber nicht so richtig auf ihre Handarbeit konzentrieren. Immer wieder ließ sie ihre Nadeln sinken und versank in melancholischer Sehnsucht nach früheren Jahren, während sie auf die dunkler werdende Landschaft blickte. „Mein Sechzigster ist heute“, dachte sie und musterte eine kleine Familie, die unter ihrem Fenster spazieren ging. „Und so ein wunderbares Wetter, gerade, als wollte mir der liebe Gott eine Freude machen. Dabei war es vor ein paar Jahren noch viel schöner, wenn so richtig gutes Wetter war. Was kann ich heute mit meinen alten, krummen Knochen noch groß unternehmen? Die Kinder sind auch schon lange fortgezogen und Helmut ist vor drei Jahren gestorben.“ Marga versank immer mehr in die Sehnsucht nach vergangenen Jahren. Damals waren sie noch alle zusammen, ihr Mann, ihre drei Kinder und sie. Natürlich gab es manchmal Reibereien, aber im Allgemeinen waren sie doch eine sehr harmonische Familie gewesen. „Wir hatten viele gemeinsame Hobbys, das ist nicht selbstverständlich“, sann sie über ihrem dunkelgrünen Wollknäuel nach, das einmal zu einem Babypullover werden sollte. Ihre Tochter Heike bekam das erste Baby, noch diesen Monat.

Endlich war es soweit. Seit Jahren freute sie sich auf Enkelkinder. Sie hatte Sehnsucht danach, wieder einmal ein Baby im Arm zu halten und mit kleinen Kindern zu spielen. Und wieder machte sich die altbekannte Sehnsucht nach früheren Zeiten bemerkbar. „Wir fünf haben wirklich wahnsinnig viel unternommen. Waren das schöne Jahre, als wir jeden Sonntag im Herbst zum Bergsteigen gefahren sind. Damals war Helmut auch noch vollkommen gesund. Ach, wenn man nur die Zeit zurückdrehen und in früheren Jahren vorbeischauen könnte! Ich glaube, damals war ich mir gar nicht so sehr bewusst, was für ein großes Glück ich hatte. Dafür ist heute die Sehnsucht nach damals umso größer." Auch ihre Geburtstage waren damals einfach wunderbar gewesen, voll von Leben und Unternehmungslust. Da hätte sie sich niemals mit ihrem Strickzeug ans Fenster gesetzt und sonst nichts getan. Das hätte Helmut schon gar nicht zugelassen. Helmut hatte den Kopf immer voll von lustigen Ideen gehabt, bis kurz vor seinem Tod. Wie sie ihn vermisste. Als die Kinder aus dem Haus waren, hatte er sie wahrhaftig vor einer dunklen Depression bewahren können.

Nachdenklich musterte sie den kleinen Wollpullover, den sie nun in ihren Händen hielt. Wie schnell sie schon wieder fertig geworden war! Seufzend stand sie auf, legte den Pullover zu der Wollmütze und den Babysocken, die sie in den letzten Tagen gestrickt hatte, und ging hinüber in die Küche. Sie setzte Teewasser auf und musterte die Familienfotos, die ihre drei Kinder ihr vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hatten. Marga hatte sich damals beklagt, keine Bilder in ihrer Küche aufhängen zu können. Der Dampf, der immer in dicken Schwaden aus dem Wasserkocher und den Töpfen aufsteigt, würde sie ja nur beschädigen. Die drei hatten daraufhin die Idee, die schönsten Familienfotos auf Aluminium drucken zu lassen. Sie wurde nicht müde, die Fotos so ausführlich zu betrachten, als sähe sie die Bilder zum ersten Mal. „Ach ja, das Bild hat Helmut am zwölften Geburtstag von Heike geschossen. Sie ist ja noch ganz verschmiert mit Schokoladenglasur“, dachte sie wieder.

Die Sehnsucht nach der Zeit, als sie noch alle zusammen waren, traf sie wieder mit voller Wucht. War das immer so im Alter, ging es da allen gleich? Gab es vielleicht sogar eine Sehnsucht-Selbsthilfegruppe? Wenn doch wenigstens die Kinder mehr Zeit hätten. Wenn sie doch wenigstens ab und zu Besuch kommen würden. Nicht einmal an ihrem Sechzigsten Geburtstag, ihrem runden Geburtstag, hatten sie Zeit. Natürlich, in zwei Wochen wollten sie nachfeiern, da an dem Wochenende alle Kinder Zeit hatten, aber… schließlich war es ihr runder Geburtstag und ihr Mann war auch gestorben. Mittags waren zwei Freundinnen zu Besuch gewesen, aber das war schließlich nicht dasselbe. Marga versank immer mehr in Selbstmitleid. Wozu bekam man Kinder, wenn sie das Nest, in dem sie großgezogen worden waren, nicht einmal mehr zu vermissen schienen? Hatten sie denn gar keine Sehnsucht nach den vergangenen Jahren?

Wunderbare Aussichten!

ein Herzenswunsch geht in Erfllung

ein Herzenswunsch geht in Erfüllung


Marga schreckte hoch. Hatte es geklingelt? Sie musste über all ihren Gedanken und ihrer schwermütigen Sehnsucht eingenickt sein. Nicht einmal ihren Tee hatte sie ganz ausgetrunken. Sie strich sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten, und stand etwas schwerfällig auf. Da läutete es noch einmal. Wollte Hermann, ihr Nachbar, zum Geburtstag gratulieren? Als Marga die Tür öffnete, entfuhr ihr ein überraschtes: „Markus!“ Der Lebensgefährte ihrer Tochter grinste. „Da guckst du, was, Marga?“, lachte er und drückte ihr einen großen Strauß roter Lilien in die Hand. „Für mich sind es zwar Friedhofsblumen“, stellte Markus fest, während er sich den schmutzigen Mantel abklopfte, „aber Lilien sind ja deine Lieblingsblumen. Alles Gute zum Geburtstag!“ Marga fehlten zunächst die Worte, so überrumpelt war sie. „Ja, vielen Dank, Markus“, erwiderte sie, als sie ihre Stimme wiederfand. „Aber…warum ist dein Mantel denn so fleckig? Hast du Sahne ausgeschüttet? Und wo ist Heike?“ „Also, das ist jetzt eine Überraschung. Wer mir den Mantel so bespuckt hat, das sag ich dir jetzt nicht, das siehst du nämlich gleich selbst, wenn Heike kommt. Ich mache nur die Vorhut, sozusagen. Lass uns mal die Blumen schnell weglegen, du brauchst deine Hände bestimmt gleich“, fügte Markus aufgeräumt hinzu. Verwirrt legte sie die Blumen zur Seite. Was hatte er denn vor? Was meinte er damit? Als Heike schließlich um die Ecke kam, schossen der perplexen Marga heiße Tränen in die Augen. „Darf ich vorstellen?“, fragte Markus, während er Marga vorsorglich stützte. „Das kleine Bündel da im Babysafe ist Sophia. Sie ist vor drei Tagen zur Welt gekommen und wir dachten, wir sagen es dir nicht, sondern machen an deinem Geburtstag einen Überraschungsbesuch.“ Heike holte die Kleine aus dem Safe und legte das Baby Marga ganz vorsichtig in den Arm. Sie begann zu weinen. Wer hätte gedacht, dass sie sechzig Jahre alt werden musste, um das schönste Geburtstagsgeschenk ihres Lebens zu bekommen.

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  • Veröffentlichung: 06.01.2016
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